Herbst der Hoffnung 2007

Auf dieser Seite wird berichtet vom BAK Kriwoi Rog und vom Ort Dolinskaja Anfang September 2007.

 

 
       
   

 Wahlherbst - Dolinskaja im Herbst 2007

 
       
       
   

Rolf Junghanns

Der vergangene Sommer war in Dolinskaja extrem heiß und trocken, die Temperaturen gingen bis zu vierzig Grad, Regen fiel über lange Zeit keiner. Trotz der vergangenen Dürre liegt Dolinskaja im September 2007 im satten Grün. Überall in den Gärten, Parks und an den Straßen tragen die Bäume reichlich Früchte, an den Weinspalieren vor den Häusern reifen die Trauben. Auch Melonen und Kürbisse sind reichlich herangewachsen. Die Kartoffelernte ist allerdings mager ausgefallen, das Kilo Kartoffeln kostet in diesem Herbst 2–3 Hrywnja statt bisher 1 Hrywnja.

Selbst wenn der Besucher im Abstand weniger Monate nach Dolinskaja kommt, kann er im Ort doch immer wieder Veränderungen entdecken: Häuser werden herausgeputzt, alte hässlich Ziegelbauten bekommen durch Kunststoffverkleidungen, Putz und Farbe ein attraktives Gesicht, immer neue Läden entstehen. Im Ort kann selbst der verwöhnte Deutsche viele seiner Kaufbedürfnisse befriedigen. Auch im Neubaugebiet, wo bisher Lebensmittelgeschäfte vorherrschten, gibt es ein breites Angebot unterschiedlicher Waren. Die jüngsten Neueröffnungen sind drei Bankfilialen, ein Geschäft für Kleinkinderbekleidung und spielzeug, ein Lebensmittelladen mit einem Spezialangebot an Torten (über zwanzig verschiedene Arten) und ein Immobilienhändler. Der Fahrradhändler in der Erdgeschosswohnung eines der DDR-Häuser, der seine Räder bisher in der großen Wohndiele vorführte, macht jetzt ein Zimmer seiner Wohnung als Laden über eine vorgesetzte Treppe zugänglich. Nachdem bisher die meisten Verkaufsgelegenheiten durch Umnutzung vorhandener Räumlichkeiten oder durch die Aufstellung von Containern geschaffen worden sind, wird nun im Eck zweier CSSR-Wohnblocks erstmals eine neue Verkaufseinrichtung erbaut. Ein besonderes Servicepaket bietet ein Händler im Stadtzentrum. Trotz recht kleiner Verkaufsräume will er seine Kunden nicht nur möglichst komplett einkleiden, Schuhwerk eingeschlossen, er bietet auch Goldschmuck an und speziell für Heiratsentschlossene auch die goldenen Ringe sowie – das Perspektivangebot für den Fall der Scheidung - dann auch mit rechtlichem Beistand für sie da zusein … Die dynamische Entwicklung des Ortes zeigt sich auch an den von Weitem zu erkennenden Mobilfunkantennen auf den Getreidesilos, an der »Lukoil«-Tankstelle an der Ausfahrt nach Kriwoi Rog und an der großen Funktaxiflotte – um nur einiges zu nennen. Eine mit Kapital von »Mittal-Arcelor« gegründete Firma unter der Leitung des früheren BAK-Chefingenieurs Iwan Dsjuba bereitet gegenwärtig eine vom Kombinat autonome Wärmeversorgung der Neubaublocks von Dolinskaja vor. (Diese Vorbereitungen dauern Ende Oktober dergestalt an, dass das Neubaugebiet aufgewühlt ist und die Neubauten unbeheizt sind.)

Weniger ins Auge fallen in Dolinskaja die Kehrseiten des neuen politischen Systems. Man bemerkt sie erst auf den zweiten Blick oder im Gespräch mit Ortsansässigen. Aufgrund der geringen Erwerbsmöglichkeiten im Ort sind viele hochqualifizierte Kader und Arbeiter fortgezogen, arbeiten viele Familienangehörige außerhalb oder im Ausland, was wiederum zur Zerrüttung von Familien führt. In der letzten Zeit gab es eine Reihe von Selbstmorden, über deren Gründe aber – wie in solchen Fällen meist üblich – nur Gerüchte und Mutmaßungen zu hören sind.

Immer noch beliebt sind Heiraten mit Ausländern, worüber in der einstündigen Morgensendung von Radio Dolinskaja von der Orts-Standesbeamtin zu hören ist. In diesem Jahr wurden im Standesamt von Dolinskaja sechzehn internationale Paare zusammengebracht. In der Sendung wies die Standesbeamtin auch auf die Besonderheiten von Eheschließungen mit dem Ausland hin – diese Hinweise wie überhaupt der Auftritt im Radio waren eine unerwartete Neuigkeit für Dolinskaja.

Eine vorübergehende Nuance im Ortsbild sind Partyzelte in Parteifarben, in denen Wahlagitatoren mit vielversprechenden bunten Prospekten auf Interessenten warten. In Dolinskaja hält sich das Vorwahlgetümmel in Grenzen. Von den dieses Mal nur 21 Parteien werben für sich vor allem Janukowitschs »Partei der Regionen«, die Juschtschenko-Partei »Unsere Ukraine« und der »Block Julia Timoschenkos« (BjuT). Die Agitatoren sind meist Frauen im Rentenalter oder junge Leute, die sich so ein zusätzliches Taschengeld verschaffen. Auch das Wählerinteresse hält sich in Grenzen. Von meinen Bekannten höre ich, dass viele hier schon an keine der vor kurzem noch überpopulären Parteien mehr glauben. (Die meisten haben mittlerweile vernommen, was während der »Orange-Revolution« nur »neunmalkluge« und »gehässige« Web-Seiten predigten – dass die Orange-»Revolution« aus dem Westen finanziert worden sei.) Versprochen wird im Wahlkampf so ziemlich alles: höhere Renten und Stipendien, Abschaffung der Wehrpflicht, Rückzahlung der in der Inflation verfallenen sowjetischen Sparguthaben und … und … – Das Wahlblättchen der Partei der Regionen bekräftigt jede ihrer Versprechungen sogar jeweils mit dem Siegel »Wir garantieren!«.

Vor der Wahl ist die Provinz Tummelplatz der Wahlkandidaten: Julia Timoschenko hat sich für Kirowograd ankündigen lassen, den Weg nach Dolinskaja fand bereits der Verteidigungsminister Grizenko. Die BAK-Direktion scheint (gewollt oder ungewollt?) die Partei ihres obersten Chefs Janukowitsch zu favorisieren – die Partei der Regionen. Jedenfalls tritt im großen Versammlungssaal der Direktion am Dienstag ein Kandidat dieser Partei vor der Belegschaft auf, die dann auch gleich noch für den Donnerstag in das Ortskulturhaus »Tscherwona Kalyna« zu einem Auftritt von Taras Tschornowyl, eines weiteren Kandidaten dieser Partei, gebeten wird. Die Bekannten, mit denen ich spreche, hoffen vor allem auf eines: auf das Ende des Parteienmachtgerangels und auf eine stabile Regierung, die das Land real – nicht nur mit Worten – aus dem Stillstand herausbringt. Sie befürchten aber, dass auch diese Wahl keine stabilen Verhältnisse bringen wird.

Auch das BAK Kriwoi Rog wird im Wahlkampf instrumentalisiert. Am 25. August erschien in der Rayonzeitung »Dolynski Nowyny« ein Brief des Präsidenten Juschtschenko an Premierminister Janukowitsch, in dem der Staatspräsident den Ministerpräsidenten mit Besorgnis auf die ungeklärte Situation des Kombinats aufmerksam macht. Die Veröffentlichung dieses Briefes in der Presse belegt vor allem das destruktive Konkurrenzverhältnis zwischen beiden Machtebenen. Ob der Präsident mit dieser einfach gestrickten Propagandaaktion hier in der Region Punkte für sein Wahlkampfkonto einstreichen kann, wird vor allem von den weiteren Aktionen der Regierung abhängen.

* * *

 

 

oben li.: Weist Lenin hier den richtigen Weg? - Wahlagitationspunkt der Juschtschenko-Partei "Unsere Ukraine" in Dolinskaja

oben re.: Das freundliche Arbeitsamt in Dolinskaja - Woher Arbeitsplätze nehmen im Rayon?

 

li.: Der alte Bahnhof von Dolinskaja in frischen Farben

 

 

Auch heute noch ist Maler in der Ukraine ein Frauenberuf

 

       
   

Die Passagiere wissen nichts vom Lokführer

 
       
       
    Fährt man morgens mit dem Werksbus zur BAK-Direktion, erlebt man beim Aussteigen aus dem Bus die tägliche »GAU«-Phase des Kombinats – die größte anzunehmende Unruhe: Die Mitarbeiter ziehen an ihre Arbeitsplätze, an denen sie den Tag zumeist in recht beschaulicher Ruhe verbringen. So herrscht dann auch auf dem Werksgelände bald wieder ziemliche Stille bis zum Feierabend-»GAU«. Auch die Luft ist hier rein, so gut wie unbelastet von hiesiger Produktionstätigkeit, fast heilklimatisch. Mein Witz, Dolinskaja zum Luftkurort und das Kombinat zum Ausflugsort für nostalgische Bauarbeiter zu machen, wird von Sascha Lasarew und Leoni d Solotko mit betrübter Lethargie hingenommen. Beide können mir am Dienstagmorgen keine besonderen Neuigkeiten zur Perspektive des Kombinats berichten. Leonid Solotko sagt resigniert: »Alles spielt sich hinter den Kulissen ab. Was mit dem Joint-Venture läuft, davon erfahren wir nichts. Offiziell hat man uns noch nicht mal mitgeteilt, dass es den Regierungsbeschluss zur Bildung des Joint-Ventures gibt – das war vor einem Jahr. Wir werden so gut wie nicht gefragt. Nur einmal gab es eine Belegschaftsversammlung, auf der die Frage gestellt wurde, ob wir mit der Bildung dieses Gemeinschaftsunternehmens einverstanden sind. Obwohl unklar ist, wie die anderen beteiligten Länder abgefunden werden sollen, waren alle für diese Lösung. Unsere Leute sind mit jeder Lösung einverstanden, die uns aus dem Stillstand herausbringt!«

Sascha Lasarew fügt mit einiger Befriedigung hinzu, dass es doch schon eine Verbesserung gebe, seit die Phase der Vorbereitung des Gemeinschaftsunternehmens läuft: »Wir bekommen jetzt regelmäßig Geld! Die Direktion hat einen Kredit für die Lohngelder aufgenommen, der vom künftigen Investor getilgt werden soll.«
Eine seiner Kolleginnen korrigiert später: »Ja, die Lohnzahlung ist regelmäßig … einen Monat später.«

Jura Brusnik verliert wie üblich keine überflüssigen Worte, als er die seit einem Jahr zäh dahinfließende Entwicklung – wird nun ein Joint-Venture gebildet oder bleibt es bei der Ankündigung? – kommentiert: »Wir haben kein Ziel und das macht uns müde.«

Nach vergeblichen Anläufen am Dienstag werden Sascha Lasarew und ich am Mittwoch beim stellvertretenden Generaldirektor Leonid Abramowitsch zu einem kurzen Gespräch vorgelassen. An dieses Treffen hatte ich schon nicht mehr geglaubt. – Schon im Vorzimmer denke ich dann: Das Kombinat ähnelt irgendwie einem Eisenbahnzug. Während die Leute in den Waggons vor allem gelangweilt darauf warten, dass der Zug irgendwann einmal an ein Ziel kommt, haben die Lokführer Stress damit, den Zug in Fahrt zu bringen. Deswegen werden uns auch nur zehn Gesprächsminuten eingeräumt. Zunächst hören wir von Leonid Abramowitsch, was wir ohnehin wissen: »Gegenwärtig läuft die Abstimmung über die Gründung des Gemeinschaftsunternehmens. Der Prozess läuft schon ein Jahr. Solche Prozesse sind schwierig und daher langwierig. Beim Metallurgischen Kombinat Kriwoi Rog hat die Privatisierung drei Jahre gedauert.« Dann aber eine unerwartete, neue Aussage:
»Der Prozess muss möglichst vor den Wahlen abgeschlossen werden, um das Ergebnis möglichst unveränderbar festzuschreiben. Nur außerordentliche Ereignisse können jetzt die Bildung des Gemeinschaftsunternehmens noch stören.«

Da der Prozess noch nicht abgeschlossen ist, werde ich gebeten, diese Information erst weiterzugeben, wenn das Ergebnis offiziell feststeht. Dem Gemeinschaftsunternehmen sollen neben dem ukrainischen Staat die Unternehmen »Metalloinvest« (Russland) und »Smart-Group« (Ukraine) und ein weiterer Partner angehören. Ziel des Unternehmens soll die Inbetriebnahme des kompletten Produktionskomplexes zur Aufbereitung oxidierter Erze sein. Als erste Zwischenstufe, mit der die Fertigstellung der Gesamtanlage finanziert werden soll, wird zunächst die Pelletieranlage in Betrieb genommen. Hier soll aus anderen Aufbereitungskombinaten antransportiertes Konzentrat zu Pellets verarbeitet werden, die im Verkauf einen höheren Preis erbringen als bloßes Konzentrat.« Allerdings seien schon jetzt keine ausreichenden Mengen freien Konzentrats verfügbar, da die russischen Eisenerzaufbereitungskombinate Michailowka und »Lebedinski« inzwischen eigene Pelletieranlagen aufgebaut haben.

12. September 2007

* * *

Zur Fortsetzung hier klicken

 

Oben links: Einer der Lokführer - der stellvertretende Kombinatsdirektor für Investbau Leonid Abramowitsch

Oben rechts: Blick aus dem Verwaltungsgebäude der Kombinatsdirektion auf die Produktionsanlagen, an denen geruhsam der Zahn der Zeit nagt

Links: Im Geschichtsmuseum des Kombinats. Einiges historisches Material ist zusammengetragen, ein erster kleiner Raum wurde bereitgestellt. Was für den Ausbau fehlt, ist Geld. Gewünscht ist auch eine kleine BRD-Tischfahne.

Fotos auf dieser Seite: R. Junghanns / September 2007.

 

Zurück zur Übersichtsseite "Das BAK Kriwoi Rog heute"

zur HeimatseiteZur Startseite nach oben Zum Seitenanfang