Das BAK Kriwoi Rog heute

Auf dieser Seite bieten wir Berichte mit aktuellen Informationen zum BAK Kriwoi Rog.

 
  • 2005 Bericht über eine Reise nach Dolinskaja Sommer 2005, in dem Entwicklung der BAK-Baustelle und die Situation ums BAK 2005 zusammenfassend geschildert wird. Die ausführliche Fassung dieses Berichts wird im BAK-Buch abgedruckt. - hier klicken
  • 2007 Direkt hier unterhalb Nachrichten aus Dolinskaja - vom Januar 2007
  • 2007 Aktuelles vom Februar 2007 - hier klicken
  • 2007 Aktuelles vom Herbst 2007 - hier klicken
  • 2008 Aktuelles vom August 2008 - hier klicken
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 Die Ukraine schreitet nach Europa – und Dolinskaja?

 
       
       
   

Rolf Junghanns

„Die Ukraine schreitet nach Europa!“ – So hat’s Präsident Juschtschenko laut verkündet, nachdem er in der orangenen Revolution sein Amt errungen hatte, und so steht’s in überdimensionalen Lettern auf einem Schild gleich hinter der ukrainisch-polnischen Grenze, wenn man per Auto oder Bus in die Ukraine einrollt. Die Ukrainer, die ihre Realität besser kennen, bedenken diesen Spruch mit allerlei Ironie. Trotzdem ist schon an der Grenze wenigstens eines schon europäischer geworden. Einige Jahre lang war es so, dass die Buspassagiere Geld zusammenlegten, um sich eine bessere Abfertigung durch ihre Grenzer und Zöllner zu erkaufen. Seit einem Jahr kommt man nun ohne diese Devotionszahlung über die ukrainische Grenze genau so schnell (oder langsam) wie über die polnische oder deutsche Grenze. Besser geworden ist es auch für die in die Ukraine einreisenden EU-Europäer, die ohne Visum hereinkommen dürfen.

Einen großen Unterschied zwischen EU und Nicht-EU merkt man bei der Autofahrt mit dem Hinterteil. Ging es über die polnischen Straßen meist glatt, muss man von Krakowez bis Kiew ein permanentes Schütteln in Kauf nehmen, selbst auf den noch kurzen Abschnitten, die autobahnähnlich ausgebaut sind. Juschtschenko hat ja auch vom „Schreiten nach Europa“ gesprochen und nicht vom Fahren. Zum gemessenen Vorwärtsbewegen zu Fuß sind die Straßen gut genug!

Kiew selbst ist Boomstadt. Verirrt man sich nicht in Randbezirke, kann man hier vieles Europäische finden. Neben noblen Autos und teuren Shopping-Gelegenheiten fällt zu diesem Jahreswechsel vor allem die gigantische „Jalynka“ (so heißt auf Ukrainisch der Weihnachtsbaum) am Kreschtschatik ins Auge – der vielleicht am meisten elektrifizierte und elektronisierte Weihnachtsbaum Europas – hinter dem bunten Lämpchengeflimmer und -geblinke ist der Baum selbst kaum auszumachen. Auch die Hotelpreise haben gutes europäisches Niveau. Für ein Zwei-Zimmer-Halbluxus-Appartement zahlen wir 400 Griwna (67 Euro) pro Nacht. Wir haben lange telefonieren müssen, um diese einigermaßen günstige Unterkunft zu finden. Die Kiewer Hotelwelt ist von den Preisen her „Spitze“. Wer so geizig wie wir ist, sich auf „Halbluxus“ einzulassen, muss natürlich Löcher in der Bettwäsche, fehlendes und angeschlagenes Geschirr und (wenn nicht protestiert wird) auch unterkühlte Zimmer in Kauf nehmen.
Verblüffend für den, der vor zehn oder mehr Jahren das letzte Mal in Kiew war: Es gibt neue historische Bauten! Zuerst denkt man, man schaut nicht richtig – an Stellen, die früher mehr oder weniger leer waren, stehen historische Bauten. Das ist zum einen die Uspenski-Kathedrale (Mariä-Himmelfahrt-Kathedrale) im Höhlenkloster, die im Zweiten Weltkrieg von den deutschen Truppen zerstört worden war, zum anderen die nunmehr wieder gegenüber der Sophien-Kathedrale gelegene Sankt-Michael-Klosterkirche, die 1936 unter Stalin zerstört wurde. Beide Kirchen wurden Ende der 90er Jahre wieder aufgebaut, wie überhaupt in den letzten Jahren in der Ukraine ein großer Kirchenbau-Boom herrschte und herrscht.


 
 

 

oben li.: Kiew - wiedererbaute St.-Michaelskloster-Kirche;

oben re.: Kiew - wiedererbaute Uspenski-Kathedrale im Höhlenkloster;

li.: "Jalynka" - der Weihnachtsbaum am Kiewer Kreschtschatik Ende 2006

 

   

Mit dem Nachtzug kommen wir in Dolinskaja an und erleben auch hier gleich bei der Ankunft einen kleinen erfreulichen „Europa-Schritt“: Das historische Bahnhofsgebäude hat ein „Evroremont“ absolviert – eine Renovierung nach europäischem Standard. Nach allen Regeln der Malerkunst wurde es zartrosa herausgeputzt. Regenfallrohre im zur Fassade passenden Farbton und im Wartsaal dezente Lamellenstores und Leuchter, die die Balance zwischen Moderne und dem früher in der Sowjetunion geschätzten pseudobarocken Bahnhofsprunk halten, runden das Bild ab. Der kurze Blick auf die Rekonstruktion – das war’s dann auch schon an Freude. Zu dieser Nachstunde gibt es am Bahnhof kein Taxi, und so müssen wir weiter zu Fuß. Das Gepäck wird auf dem kleinrädrigen europäischen Kofferroller durch die echt ukrainischen schlammgefüllten Schlaglöcher gezerrt. Am Ziel schließlich hat der Koffer den Zweikampf durch technisches KO mit einer großen Platzwunde verloren.

Die nächsten Tage bringen einiges an Wiedersehensfreude mit früheren Kollegen und alten Bekannten.

 

 

Neubaugebiet in Dolinsjaka mit tschechoslowakischen und rumänischen Wohnhäusern

Lenin-Straße - der Einkaufsboulevard von Dolinskaja

 

In einem Anruf bei einem früheren Kolchosvorsitzenden, der mich vor anderthalb Jahren um Vermittlung eines Kontakts zur Beschaffung von Landtechnik gebeten hatte, will ich erfahren, ob ihm dieser Kontakt bei seinen Problemen hat helfen können. Er muss leider abwinken. Die ukrainische Regierung, so höre ich von ihm, interessiere sich kaum für die Probleme der Bauern und so sei sein Rechtsstatus zu unsicher, um langfristige Finanzverpflichtungen einzugehen. Er wolle keine Geschäfte anbahnen, bei denen er dem Verkäufer irgendwann nicht mehr in die Augen sehen kann. Ihm bleibe nur, auf bessere Zeiten zu hoffen. Wer heute Bauer sein will, dürfe nicht auf Gewinn aus sein. Er hänge aber an dieser Arbeit, weil sie sein Element sei, und sehe auch eine moralische Pflicht des Bauern gegenüber der Gesellschaft. Der Staat erkenne das praktisch nicht an, so dass er nach Zahlung aller Steuern und Abgaben gewöhnlich mit einem Minus aus dem Jahr gehe.

Von früheren Kollegen aus dem Kombinat höre ich, dass das im Sommer 2006 vom damaligen Ministerpräsident Jechanurow als Investor für das BAK Kriwoi Rog favorisierte russische Unternehmen „Metalloinvest“ schon Sondierungsgespräche im Kombinat durchgeführt hat. Dabei haben die Vertreter des Unternehmens die Absicht erkennen lassen, zunächst nur die Pelletierungsfabrik in Betrieb zu nehmen und nach Möglichkeit die Verpflichtungen zum Erhalt und Ausbau der Sozialsphäre des Kombinats und der Stadt Dolinskaja abzuschütteln. Im Kombinat wird vermutet, dass das russische Unternehmen nicht über ausreichend Investitionsmittel verfügt.
Im vergangenen Jahr 2006 hat sich die alte Geschichte der verzögerten Lohnauszahlungen aus den früheren Jahren wiederholt. Von der ukrainischen Regierung wurde die Frage der Perspektive des Kombinats immer noch nicht entschieden und aus der Staatskasse wird dem Kombinat immer nur so viel Geld zugeteilt, dass es gerade noch am Leben bleibt. Der Generaldirektor Jarjomenko durfte im Sommer wegen ungesetzlicher Zurückhaltung von Lohngeldern den Hut nehmen und wurde in Kiew vor Gericht gestellt. Ob er mit der Verzögerung nur Zinsen für das Kombinat erwirtschaften oder sich die eigene Tasche füllen wollte, kann mir keiner mit Gewissheit sagen.


Die Speicher an der Einfahrt nach Dolinskaja gehören heute einer kanadischen Firma

 

Leerstehende rumänische Wohnhäuser, nicht fertiggestellt wegen fehlender Finanzierung des Kombints

 

Der neue Generaldirektor hat die Unterfinanzierung auf neuem Weg zu lösen versucht. Er hat die Mitarbeiter des Kombinats dazu gebracht, gegen die Direktion Klage einzureichen. Das Gericht verklagte die Direktion zur Lohnzahlung, wodurch wiederum die Regierung gezwungen wurde, der Direktion die erforderlichen Lohngelder zu überweisen. Ende des Jahres erhielten dann die Mitarbeiter des Kombinats die seit Juli ausstehenden Lohngelder. Wozu das Geld der Direktion nicht reicht, sind die Zahlungen an die Sozial- und Rentenfonds. Die Kombinatsmitarbeiter, die jetzt in die Rente gehen, müssen daher beträchtliche Rentenkürzungen hinnehmen. Die Beschäftigten des Kombinats zucken über die immer wieder verspäteten Lohnzahlungen nur mit den Achseln – was soll’s, wir schlagen uns schon durch, sind wir ja gewohnt. Außerdem ist Hilfe quer durch die Großfamilie von der Oma bis zum Enkel und von der Großtante bis zum Cousin alte slawische Tradition – wer genug hat, hilft dem anderen selbstverständlich. – Als angenehme Überraschung empfanden die Kombinatsmitarbeiter, dass der neue Generaldirektor allen Mitarbeitern zum Jahreswechsel je eine Flasche Sekt und einen Kasten Pralinen überreichen ließ. Das war in all den letzten Jahren nicht üblich. Aus welcher Kasse er das bezahlt hat, danach fragen sie lieber nicht.
Um das Kombinat irgendwie finanzieren zu können, werden immer wieder derzeit nicht benötigte Ausrüstungen zu Geld gemacht. Zuletzt wurden die „beheizten Übergänge“ demontiert – Fußgängerbrücken, durch die das Betriebspersonal wettergeschützt von einem Produktionsgebäude ins andere gelangen sollte. Die Demontage läuft nicht selten im Wettlauf mit kriminellen Demonteuren. So sind auf der Eisenerztransportlinie, über die das Erz aus dem Tagebau ins Kombinat kommen sollte, ein Großteil der Schienenlaschen verschwunden. Das selbe passiert auch auf Eisenbahnlinien, über die reguläre Personenzüge fahren. Die Miliz winkt ab, wozu verfolgen? Der finanzielle Verlust ist doch unbedeutend …

 

Obwohl es mit dem Kombinat nicht voran geht, gibt es im Ort da und dort Veränderungen. Nach der Bahnhofsrekonstruktion wird nun das seit vielen leerstehende Kinogebäude wieder hergerichtet. Die Fassade macht dank der vorgesetzten Kunststoffelemente schon wieder einen ansehnlichen Eindruck. Immer wieder werden in Erdgeschosswohnungen von Neubaublocks neue Einkaufsgelegenheiten eingerichtet. In Eröffnung ist ein Ladenbüro einer kleinen Firma, die die Renovierung und Instandsetzung von Wohnungen anbietet. Wer Geld hat, lässt sich seine Wohnung in ein Schmuckkästchen verwandeln oder baut sich ein solides oder gar protziges Haus. Da Dolinskaja gegenwärtig aber für viele Einwohner keine Perspektive bieten kann, findet man im Ort aber auch nicht wenige kleine alte Einfamilienhäuschen, die leerstehen und verfallen. Auf Anschlagtafeln werden preiswert Wohnungen in den von der CSSR, Rumänien und der DDR errichteten Neubaublocks angeboten. Der Verkaufserlös soll einen Neustart andernorts ermöglichen, aber wie viel bekommt man schon für eine Wohnung in einem Ort ohne Perspektive?

 

Nichtfertiggestellte Kindereinrichtung im Neubaugebiet von Dolinskaja

 

Aus einem dörflichen Einfamilienhaus ist über die Jahre eine Kirche gewachsen

 

 

Einkaufen oder Essen in einer Gaststätte oder einer Bar - kein Problem mehr in Doli ... für den, der das "nötige Kleingeld" hat

 

Klein-DDR in der Ukraine - Wohnhäuser des Wohnungsbaukombinats Erfurt der Serie WBS70 - Sonderanfertigung UdSSR

 

Verwaltungsgebäude der BAK-Direktion im Ende August 2005

 

Majak - das einstige Kulturhaus im September 2007

Der einzige, der im Gespräch mit mir echte Zufriedenheit ausstrahlt, ist Viktor Iwanowitsch Lukasch, den ich von den Abstimmungsberatungen zur Errichtung der Filtrationshalle Anfang der 90er Jahre kenne. Nach dem Baustopp ist er in seine ursprüngliche Zunft zurückgekehrt – er ist ausgebildeter Aufbereiter – und hat unter der ideologischen Leitung von Chefaufbereiter Chrisanf Ustinowitsch Kowaltschuk mit einer Aufbereitermannschaft an der Verbesserung der Technologie des Kombinats gearbeitet. Lukasch verkündet: Die Perspektive des Kombinats ist klar – vom Prinzip her. Das heißt: Die Aufbereitung des oxidierten Eisenerzes wird gebraucht wie auch das aufbereitete Erz aus dem Kombinat gebraucht wird. Diese Fakten sind nun schon länger bzw. seit einigen Jahren bekannt. Die große Neuigkeit ist nun folgende: Die Grundlagen der künftigen Technologie des Kombinats sind nicht nur theoretisch ausgearbeitet, sondern inzwischen auch mit dem schwer aufzubereitenden oxidierten Eisenerz aus dem Tagebau des Aufbereitungskombinats „Neu-Kriwoi-Rog“ (NKGOK) erprobt und werden im Pilotmaßstab der „Kontinuierlichen Anlage“ beherrscht. Auf der Basis eines Konzentrats aus der Starkfeldmagnetscheidung mit einem Eisengehalt von 51 % konnte durch nachgeschaltete indirekte kationische Flotation ein Konzentrat mit 66–66,5 % Fe gewonnen werden.
Das zu erreichen verlangte eine hohe Qualifikation aller beteiligten Ingenieure und Arbeiter sowie konzentriertes und genaues Arbeiten über die letzten Jahre, da jede Ungenauigkeit in der Prozessführung, z. B. bei der Zugabe der Reagenzien den Aufbereitungserfolg zunichte machen und zu hohen Erzverlusten mit den Abgängen führen kann. Um oxidierte Erze überhaupt flotieren zu können, musste die Steuerung des gesamten Prozesses automatisiert werden – ohne automatische Steuerung ist der Prozess überhaupt nicht zu beherrschen.
Als weiteres Wunschziel steht die Gewinnung eines Konzentrats mit 67 % Fe-Gehalt, was aber außerordentlich schwer erreichbar ist.
Mit dieser Technologie wurden auch bereits noch höhere Eisengehalte erzielt. Ausgehend von einem Magnetitkonzentrat mit 67,2 % Fe konnte mit der Nachflotation ein Konzentrat mit 75 % Fe-Gehalt mit nur 1,7 % SiO2-Anteil gewonnen werden; allerdings ist Magnetiterz nicht der für das Kombinat vorgesehene Ausgangsrohstoff.
Viktor Lukasch berichtet von diesem Ergebnis mit Stolz – für ihn ist das die Krönung seines Berufslebens. Endlich kann die Perspektive des Kombinats von den Ergebnissen der Technologie her gesichert werden. Für diese neue Technologie hat sich bereits ein Aufbereitungskombinat aus Russland interessiert.
Natürlich steht noch die großtechnische Erprobung aus, aber das beiweitem größere Problem ist die noch immer ungelöste Frage: Wer wird die Perspektive des Kombinats in die Hand nehmen? In welcher Eigentumsform soll das Kombinat fortgeführt werden – als Joint-Venture mit staatlicher Mitbestimmung durch die Ukraine oder als Privatunternehmen, dessen Gewinne vollständig in andere als staatliche Töpfe abfließen? Der Joint-Venture-Beschluss der Regierung Jechanurow vom Sommer vergangenen Jahres ist immer noch nicht umgesetzt und könnte durch einen anderen Beschluss ersetzt werden. Befürchtet wird auch, dass die jetzige und die kommenden Regierungen überhaupt keinen Beschluss zum weiteren Schicksal das Kombinat fassen. In diesem Fall würde Dolinskaja in der absehbaren Zukunft nicht nach Europa kommen.

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Aktueller Nachtrag: Februar 2007 - am BAK wieder einmal Wechselbad der Gefühle


Chrisanf Kowaltschuk, Chefaufbereiter der BAK-Direktion in der Kontianlage. Hier wird die Technologie im Pilotmaßstab erprobt.

Im Labor der Kontianlage

Die Bilder von Dolinskaja und vom Kombinat wurden fotografiert im Sommer 2005, Anfang Januar 2006, Anfang Januar 2007 und im September 2007.

 

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