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Das BAK-Buch ist fertig
... und wird weitergeschrieben!

Neu 25.07.2009, ergänzt 08.02.2010

Unser Buch "Das eiserne Problem des Sozialismus" über das BAK Kriwoi Rog ist mit seinen 500 Seiten ein ziemlicher Wälzer und scheint das Thema BAK ausreichend zu beleuchten. Nichtsdestotrotz sprechen uns nach der Herausgabe frühere BAK-Beteiligte an mit der Feststellung: "Es gibt noch vieles Interessante zu berichten!"
Das Buch ist nun einmal erschienen, es lässt sich nichts mehr dazuschreiben, aber zum Glück können wir dem Leser über das Medium Internet noch Ergänzungen nachreichen.
Diese Seite mit der Fortschreibung des BAK-Buches kann also noch wachsen und uns über das Buch hinaus interessante Lektüre bieten. Wer Interesse hat, seine Erinnerungen hier publiziert zu sehen, der melde sich bei uns!

Post/Anrufe/Mails bitte an:


     

Der Einband
des BAK-Buches

 


 

Neue Texte

 
 

Inhaltsverzeichnis



Die Finanzökonomen -
wir ließen den Rubel rollen

 
 

Warum greife ich erst jetzt zur Feder?

 

Es war im Jahr 2004. Ein Buch über das BAK sollte entstehen. Rolf Junghanns hatte bereits meinen Mann als Autoren gewinnen können. Nun bat er auch mich mehrere Male, doch zum Thema Ökonomie einige Gedanken zu Papier zu bringen. Damals konnte ich mich nicht dazu aufraffen, weil es mich nicht reizte, in der Vergangenheit herum zu kramen. Ich dachte auch, es gäbe kompetentere Leute, die dazu etwas sagen würden. Nicht zuletzt hielten mich vom Schreiben auch die ständige Urlaubsstimmung und das mediterrane Lebensgefühl an der Costa Calida in Spanien ab, wo wir damals für einige Jahre gelebt hatten. Kurz gesagt: Der innere "Schweinehund" war eben stärker.

Nun aber, nach der Veröffentlichung des "BAK-Buches" las ich im Autorenexemplar meines Mannes. Von dem Inhalt dieses Gesamtwerks war ich angenehm überrascht, aber auch etwas traurig gestimmt, weil ich mich zuvor nicht zum Schreiben hatte aufraffen können.

Da ich in der Startzeit der Baustelle mit zu den ersten Mitarbeitern gehörte, wurden natürlich alte Erinnerungen wieder lebendig. Viele der Autoren, die zu diesem Buch beigetragen haben und die über die Zeit bis 1991 am Vorhaben mitgearbeitet haben, kenne ich persönlich, meistens aus dem Arbeitsprozess. Überrascht haben mich z. T. ihre privaten Beweggründe, ihre geschilderten Erlebnisse und die von manchen geäußerten, geteilten Meinungen über den Sinn und "Unsinn" dieses Vorhabens.

Leider kam der Komplex "Ökonomie" bei der Schilderung der Problematik etwas zu kurz und so möchte ich, wenn auch leider zu spät - aber besser spät als gar nicht -, jetzt doch einige Ausführungen niederschreiben.

Morgen früh am anderen Ufer

So fing es für mich an: Die Entscheidungen waren gefallen, das Vorauskommando war bereits am "Tatort", die Arbeitsverträge unterschrieben, mein Mann und ich sollten ab Januar 1986 gemeinsam am BAK Kriwoi Rog arbeiten.

Dann der Schock: Urplötzlich hieß es: Inge muss bereits am 25. November 1985 fliegen. Knapp eine Woche blieb mir Zeit, die wichtigsten Dinge zu regeln, von der Familie und Bekannten Abschied zu nehmen - zumindest für ein halbes Jahr.

Zum Glück beeilte sich meine Schwiegertochter mit der Geburt meines zweiten Enkels, den ich rasch noch zwei Tage vor dem Abflug in der Klinik begrüßen konnte. Mein Mann, mein Sohn und unser erster Enkel begleiteten mich zum Flughafen Schönefeld; der Abschied wurde dadurch nicht leichter.

Mein erster Flug

Große Aufregung vor meinem ersten Flug, Abschiedsschmerz auf den Gesichtern, Neugier auf das, was mich erwarten würde - tapfer gegen die Tränen ankämpfend, durchschritt ich den Ausreiseschalter. Ich wollte mich von nichts mehr trennen, auch nicht von meinem Handgepäck! Bei dem Versuch, gemeinsam mit meinem Handgepäck ein Podest zu besteigen, machte mich ein Zöllner - sich vor verhaltenem Lachen verbiegend - darauf aufmerksam, dass nur das Handgepäck durchleuchtet werden sollte. Ich brauche wohl nicht zu betonen, dass, wer den Schaden hat, nicht für den Spott zu sorgen braucht.

Der Flug ging bis Kiew. Es war dort schon bitterkalt, hoher Schnee lag und, da der Weiterflug nach Kriwoi Rog erst für den 26. November vorgesehen war, wurde eine Übernachtung im nahe gelegenen Flughafenhotel notwendig. Mir wurde ein Platz in einem Zweibettzimmer (mit Ehebett) an der Fensterseite zugewiesen. Horror: Das sollte ein Hotel sein? Eine Fensterscheibe kaputt, der Schneesturm fegte regelrecht ins Zimmer, der Heizkörper wirkungslos. Ich kroch mit allen Kleidungsstücken ins Bett und schlief irgendwann auch ein. Als ich erwachte, lag neben mir eine fremde Frau. Sie war Russin und versuchte mir klar zu machen, dass dies völlig üblich ist, da die Zimmerbelegung unter ökonomischen Gesichtspunkten erfolgte. Ein für mich gänzlich neuer Aspekt, der mir während meines Ökonomie-Studiums vorenthalten wurde …

Überraschungen in Kriwoi Rog und Dolinskaja

Am 27. November 1985 nahm ich dann meine Arbeit als Leiterin der Abteilung Finanzökonomie auf. Mein Schreibtisch stand dem meines Chefs, Gerhard Kasten, gegenüber. Wie auch andere bereits vor Ort befindliche Mitarbeiter arbeitete und wohnte ich bis zum Umzug auf das Baufeld nach Dolinskaja ebenfalls in dem Wohnheim des Metallurgischen Kombinats in Kriwoi Rog (Foto im Buch auf Seite 62).

Eines Tages verschwand mein Chef mit schnellen Schritten aus dem Büro. Als er zurück kam, fragte er mich so ganz nebenbei, wie Ölfarbe von der Haut abzubekommen ist. Verwundert meinte ich: mit Terpentin. Ich wurde neugierig und es stellte sich Folgendes heraus: Die Leitung des Wohnheims hatte es mit den Ausländern gut gemeint und auf den Toilettenbecken (sonst unüblich) Toilettenbrillen aus Holz anbringen lassen. Die für uns zuständige Etagenfrau meinte es noch besser und verwöhnte uns ohne unser Wissen, indem sie die Toilettendeckel während unserer Arbeitszeit mit kräftiger blauer Ölfarbe gestrichen hat.

Gerhard war nun mit seinem Darmproblem auf die Toilette gerast, hatte sich auf die Schüssel geknallt und war gleich mit dem Rücken an dem liebevoll gestrichenen Toilettendeckel klebengeblieben. Ich konnte mich vor Lachen kaum halten, habe mich aber in den kommenden Tagen doch ehrfurchtsvoll nach seinem Wohlbefinden erkundigt.

In den ersten fünf bis sechs Monaten befand sich mein Büro im Wohnheim in Kriwoi Rog, während in dem etliche Kilometer entfernten Dolinskaja das Bauarbeiterdorf "Majak" entstand. Mitarbeiterinnen meiner Abteilung arbeiteten in "Majak" und das Bankkonto des GL war vom Ökonomischen Direktor ebenfalls in Dolinskaja eingerichtet worden. Nicht gerade ideale Arbeitsbedingungen, die ein stetiges Pendeln zwischen Kriwoi Rog und Dolinskaja erforderlich machten. Egal, ob es schneite, Eisregen fiel oder - wie Gerhard im Buch beschrieben hat - Rehe am Straßenrand "warteten".
Zu den Überraschungen gehörte im späteren Verlauf auch die Erfahrung, dass es bei der Bank in Dolinskaja schwierig bis unmöglich sein konnte Geld zu bekommen, obwohl ein Konto mit einem ausreichenden Guthaben vorhanden war.

Das lag im Wesentlichen daran, dass die Bank in "Doli" ihre Bargeldauszahlungen aus den Bargeldeinnahmen des Rayons Dolinskaja realisieren musste. Beides war aber aufgrund der Wirtschaftskraft des Territoriums durchaus nicht immer deckungsgleich.

Die Ökonomie und das "liebe Geld"

Ein gewichtiger Aspekt der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung war die Vorhabensökonomie. Die Leistungen der teilnehmenden Länder wurden bewertet auf der Grundlage sowjetischer Kostenvoranschläge für die sogenannten definitiven Objekte des BAK.

Diese berücksichtigten aber nur sehr ungenügend den Aufwand, den die anderen teilnehmenden Länder für die Unterbringung ihrer Beschäftigten sowie deren Versorgung und die notwendigen Transporte diverser Materialien und Ausrüstungen zu leisten hatten. Es reichte schon aus, nur mal die   >>>

Die Mitarbeiter des Bereichs Ökonomie der DDR-Baustelle des BAK Kriwoi Rog (mit im Bild einige Gäste)

 

Bedingungen der Unterbringung der sowjetischen Bauarbeiter und deren Versorgung mit denen der DDR-Bauarbeiter zu vergleichen, um fundamentale Unterschiede zu erkennen. Das war aber nicht meine Arbeitsaufgabe.

Zum besseren Verständnis meiner Arbeitsaufgabe will ich die damaligen Verhältnisse kurz rekapitulieren. Der VEB Mansfeld Generallieferant Metallurgie war als Hauptverantwortlicher der DDR zugleich der einzige Partner gegenüber der sowjetischen Seite für die Bezahlung von Lieferungen und Leistungen. Der GL hatte aber weder bare noch unbare Zahlungsmittel (Rubel) zur Erfüllung seiner Zahlungsverpflichtungen gegenüber den sowjetischen Lieferanten und den Werktätigen auf der Baustelle. Diese Zahlungsmittel mussten bei der Außenhandelsbank der DDR beantragt und von dieser bereitgestellt werden. Dabei musste das Prinzip der äußersten Sparsamkeit durchgesetzt werden. Es kam also unbedingt darauf an, Zuführungen von Rubeln nur in dem unbedingt notwendigen Umfang zu beantragen.

Meine Aufgabe und die der Abteilung Finanzökonomie war deshalb die operative Planung, Durchführung und Kontrolle des Zahlungsverkehrs auf Rubel-Basis auf der Baustelle in enger Zusammenarbeit mit den Zuständigen des GL in Berlin und der auf der Baustelle vertretenen Betriebe. Auch gehörte dazu die Betreibung der Kasse -zunächst in Kriwoi Rog und dann später im Bauarbeiterdorf Majak.

Einen wesentlichen Teil der Arbeitszeit beanspruchte u. a. die monatliche Auszahlung des Tagegeldes an die Beschäftigen der DDR-Betriebe auf der Baustelle. Das waren 6 Rubel pro Tag. Davon konnte jeder Beschäftigte bis zu 3 Rubel auf ein sogenanntes Genex-Konto überweisen (Genex-Konten: Erläuterung im Buch auf S. 447). Mindestens drei Rubel wurden auf der Baustelle ausgezahlt. Das dafür benötigte Volumen an Rubel-Zuführungen auf das Konto bei der Bank in Dolinskaja musste jeweils monatlich neu ermittelt werden, da sich der erforderliche Bargeld-Betrag ständig änderte. Ausschlaggebend dafür waren die Änderung der Anzahl der Beschäftigten auf der Baustelle durch Urlaub, Zuführung neuer Arbeitskräfte und Beendigung des Einsatzes von Beschäftigten sowie Änderungen der Wünsche hinsichtlich der in bar auszuzahlenden und anzusparenden Rubel.

Den Umfang dieser Aufgabe verdeutlicht in etwa einmal die Übersicht über die Vielzahl der Auftragnehmer auf unserer Baustelle (siehe Seite 466 des Buches). Zum besseren Verständnis trägt auch bei zu wissen, dass im Durchschnitt ca. 1 000 deutsche Beschäftigte auf der Baustelle arbeiteten. Berücksichtigt werden muss auch die damalige technische Ausstattung.
  Alle Rechenvorgänge mussten damals noch manuell erfolgen. Es gab keine Computer, unsere Technik bestand aus elektrischen Schreibmaschinen bzw. Rechenmaschinen mit jeweils einer Papierrolle. Es ist wahrscheinlich, dass später Geborene diese Geräte nur noch aus dem Museum kennen. Unsere Nachfolger heute sind uns hinsichtlich der weiter entwickelten Technik allesamt überlegen. Und trotzdem waren wir mit unserer technischen Ausstattung schon weiter als unsere ukrainischen Partner auf der Bank in Dolinskaja. Ich war immer wieder fasziniert, mit welcher Geschwindigkeit auf der Bank am Rechenbrett gearbeitet wurde (Rechenbrett: auch als Abakus bekannt - ein Holzrahmen mit quer verlaufenden Metallstäben, auf denen jeweils Holzkugeln in zwei verschiedenen Farben verschoben wurden).
  Trotzdem war es kaum zu glauben, dass es die Mitarbeiter der Bank mit diesen Methoden immer wieder schafften, die große Menge an Rubeln - pro Monat mindestens etwa 90 000 und mehr - in der von mir vorgegebenen Stückelung der Gesamtsumme bereitzustellen. Die Tagegeldzahlungen erfolgten jeweils am Anfang des Monats - für viele war es ein heiß ersehnter Augenblick - und jedes Mal war es für die Finanzökonomie und für mich persönlich eine Aktion, die an den Nerven zerrte und zehrte.

Die Information über den benötigten Rubel-Betrag musste zehn Tage vorher an die Bank gegeben werden - aber auch an die Miliz! Der Miliz waren der Name des autorisierten Geldempfängers sowie seiner Begleitperson, der Typ und das polizeiliche Kennzeichen des Fahrzeugs für den Geldtransport und der Name des Kraftfahrers mitzuteilen. Störungen z. B. durch Erkrankung, Fahrzeugpanne o. ä. durfte es dabei nicht geben! Dem Kraftfahrer wurde eine strikt einzuhaltende Fahrstrecke vorgegeben; er wurde belehrt, unter keinen Umständen anzuhalten; die begleitenden Milizionäre erhielten in der Waffenkammer der Milizstation ihre Waffen und Munition; sie mussten die Waffen in meinem Beisein durchladen. Dann ging es ab zur Bank und anschließend zur Baustelle. Das war jedes Mal ein "erhebendes" Gefühl.
Für die Arbeiter war die regelmäßige Bargeldauszahlung eine ganz normale Angelegenheit, was es auch sein sollte; von den immer wieder zu lösenden Problemen wussten sie nichts. Manche mochten wohl meinen, dass wir wie alle "Lackschuhe" ja nichts zu tun hatten, als im warmen Büro dem Feierabend entgegenzusehen, was wohl dann in der Wendezeit einen Arbeiter dazu bewogen hatte, Mitarbeiter des GL ziemlich unflätig zu bedrohen, wie von Friedrich Böhrs berichtet.

Rubel wurden auch benötigt für die Bezahlung von Waren und Dienstleistungen, die durch die Materialwirtschaft des GL operativ direkt vor Ort und im weiten Umkreis, d. h. über die Grenzen des Oblast Kirowograd (s. S. 450) hinaus, zur Sicherung des Baufortschritts beschafft werden mussten, und außerdem auch für die Auszahlung von Dienstreisegeldern.

Einen weiteren wesentlichen Teil der Arbeit beanspruchte die reibungslose Abwicklung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Die Lieferungen und Leistungen - örtliche Baustoffe, Brenn- und Kraftstoffe usw. gemäß Werksvertrag- beliefen sich im Laufe der Jahre auf Hunderttausende von Rubeln. Die Zahlungen an die sowjetische Seite mussten durch den GL den jeweiligen DDR- Kombinaten und Betrieben (in Mark der DDR) in Rechnung gestellt werden.

Der Ablauf war so: Die eingehenden Rechnungen über Lieferungen und Leistungen sowjetischer Betriebe (natürlich in kyrillischer Schrift, teilweise handschriftlich und meistens auf braunem Papier) mussten von den zuständigen Bereichen des GL überprüft, sachlich richtig gezeichnet und auf die jeweiligen Leistungsempfänger bzw. Verbraucher aufgeschlüsselt werden. Die Rechnungsoriginale und die entsprechenden Abstimmungsprotokolle wurden dann über die Abteilung Finanzökonomie dem GL in Berlin zur Rechnungslegung an die entsprechenden Betriebe in der DDR übergeben. Hierbei war eine enge Zusammenarbeit mit den jeweiligen Bereichen auf der Baustelle absolut notwendig, damit einerseits nicht zu viel Rubel vom GL in Berlin bei der Außenhandelsbank beantragt wurden, aber andererseits die benötigten Zahlungsmittel zum richtigen Zeitpunkt auch zur Verfügung standen.

Nervenaufreibend war oftmals auch die tägliche Arbeit in der Kasse. Nicht nur die Kasse - d. h. der Bargeldbestand - musste stimmen, sondern auch alle anderen Zahlungsunterlagen mussten "tagfertig" sein. Viele Stunden nach Feierabend verbrachten wir so manches Mal mit der Suche nach Fehlern, die natürlich nicht ausblieben bzw. ausbleiben konnten, denn zum Teil verfügten die in der Kasse tätigen Kolleginnen über keine dementsprechenden Vorkenntnisse und mussten auf der Baustelle regelrecht angelernt werden. Zum anderen waren z. B. die Regelungen für die Abrechnung von Dienstreisekosten nicht ganz eindeutig, sodass schon mal Fehler auftreten konnten. Aber es gab keine Alternative, denn mit einem Besuch der Staatlichen Finanzrevision der DDR war immer wieder zu rechnen. Im "Erfolgsregister" dieser staatlichen Kontrolleure standen nicht wenige Feststellungen von Verstößen gegen einen ordnungsgemäßen Umgang mit den Zahlungsmitteln - so geschehen an verschiedenen Standorten der Erdgastrasse. Als die Revisoren mich in meinem 2. Einsatzjahr noch immer auf der Baustelle in dieser Position antrafen, äußerten sie sich bereits erstaunt. Auch in den nachfolgenden Jahren brachten die zweimal jährlich unangemeldet durchgeführten Finanzrevisionen nie Beanstandungen und bestätigten mir eine gute Arbeit. Nicht zuletzt veranlassten die Ergebnisse dieser Kontrollen den Baustellendirektor, wenn er vom Eintreffen der Revisoren erfuhr, einzig wohl auch nur zu der Frage "Na Inge, alles in Ordnung?"

Nach der "Wende", d. h. konkreter mit der Einführung der DM, entfiel die Auszahlung des Tagegeldes in Rubel. Die vorher so begehrten "Talerchen" wollte plötzlich niemand mehr. Dafür wurden die sogenannten Talons, ausgestellt in DM, für den bargeldlosen Zahlungsverkehr auf der Baustelle eingeführt. Aber der Arbeitsaufwand war in etwa vergleichbar. Für wie viele Leute werden Talon-Karten benötigt? Sind alle Talon-Karten in Ordnung? (Nach Eingang auf der Baustelle wurden Hunderte Karten Stück für Stück auf Menge und mögliche Fehldrucke kontrolliert.) Die Nachweisführung über die Gesamtanzahl der gültigen, der ausgegebenen und der im Bestand befindlichen Talon-Karten sowie deren Verteilung auf die einzelnen Firmen musste protokolliert werden, um die Revisionssicherheit zu gewährleisten.

Die Zusammenarbeit am "anderen Ufer"

Über die Einrichtung des Kontos und die Abwicklung der Geldgeschäfte mit der Bank in den Anfangswochen hat Gerhard Kasten schon berichtet.
Die Arbeitsweise der örtlichen Banken - zumindest der in Dolinskaja - war mit der in der DDR nicht zu vergleichen. Es gab nicht nur Probleme mit der ukrainischen Sprache, die von der russischen abweicht, sondern auch mit den organisatorischen Abläufen (s. o. "Überraschungen"). Ich war nur froh feststellen zu können, dass wenigstens Übereinstimmung zu den Begriffen "Debet" und " Kredit" vorhanden war. Untypisch war z. B. auch, dass das Betreten der Bank durch Ausländer nur mit einer Bestätigung von der Miliz möglich war. Diese musste dann am Eingang zur Bank den gut bewaffneten Milizionären vorgezeigt werden.

Anfangs bereitete es einige Schwierigkeiten zu sichern, dass die große Summe für das Tagegeld auch von der Bank gestückelt bereit gestellt wurde. Im weiteren Verlauf hat sich das eingespielt, so wie sich auch das gegenseitige Verstehen verbesserte.

Ein einziges Mal nur gab es Probleme, als die Direktorin der Bank erklärte, dass kein Geld da sei. Ich weigerte mich, ohne Geld die Bank zu verlassen, denn auf der Baustelle warteten Hunderte von Leuten auf ihr Tagegeld. Es wäre geradezu ein Politikum geworden, nicht termingerecht zu zahlen. Es wäre zwar keiner daran zugrunde gegangen, aber die pünktliche Zahlung war ihr Recht. Meine konsequente Haltung und die Hilfsbereitschaft der Direktorin führten dann dazu, dass kurzfristig Bargeld aus Kirowograd herangeschafft wurde (das lag knapp 100 km entfernt) und wir zwar verspätet, aber doch noch am gleichen Tag die Auszahlung durchführen konnten.

Abschied

Den Rückbau der Baustelle mit der verbundenen Abwicklung habe ich dann doch nicht mehr miterlebt.
Viele Dinge trugen dazu bei, dass ich eine neue Herausforderung wollte und diese dann in einem mittelständischen Betrieb in Bayern (am Chiemsee) gefunden habe - als einer der ersten "Ossis" im erzkonservativen Oberbayern (die CSU regierte damals im Landkreis Rosenheim mit über 70 % der abgegebenen gültigen Wählerstimmen), wieder war ich "Exot".

Das erste Mal hatte ich mich in den ersten Monaten am BAK als ein solcher "Exot" gefühlt. Unter den Leitungskadern waren mein Mann und ich keine Genossen. Die auf den Parteiversammlungen diskutierten Probleme gingen an uns vorbei oder erreichten uns oft "von hinten aus der kalten Küche". Es kam häufig vor, dass eine Mitarbeiterin mir grinsend das mitteilte, was ich eigentlich wissen müsste. Daraus ergaben sich schon der eine und der andere Nachteil im Arbeitsprozess gegenüber allen anderen Leitern und Mitarbeitern. Da ja bekanntlich Unwissenheit nicht vor Strafe schützt, musste ich also andere Möglichkeiten finden, an diese Informationen zu gelangen und die "Lücken" auszugleichen.

Als sehr diskriminierend empfand ich auch, dass ich meine private Post aus der Heimat immer in Kunststoffolie eingeschweißt und mit dem Vermerk "geöffnet" erhielt. Zusätzlich befand sich auf der Folie ein Stempelaufdruck, der besagte, dass der Brief im Postamt in Dolinskaja schon eingeschweißt eingetroffen war. Die Post musste also schon in der DDR kontrolliert worden sein. Es kam auch vor, dass Post "verloren" ging, so auch ein Brief mit Bildern der Enkelkinder. Vom Verlust des Briefes erfuhr ich erst, als sich mein Sohn in einem späteren Brief an mich verwundert darüber zeigte, dass ich mich zu diesen Bildern nicht geäußert hatte. Auch ein weiterer Brief erreichte mich nicht direkt. Aber Tage später hing er im Speisesaal am Schwarzen Brett - ohne Umschlag - und damit waren die rein privaten Zeilen an mich für die gesamte Baustellenmannschaft zugänglich gemacht. Da reichte es mir endgültig. Wutentbrannt beschwerte ich mich beim Verantwortlichen für Staatssicherheit auf der Baustelle und verlangte eine Erklärung. Allerdings bekam ich diese nicht, denn ich hätte kein Recht, diese Handlungsweisen zu kritisieren, und außerdem sei der Brief ohne Namen und Adresse des Empfängers auf der Baustelle gelandet. Postkontrollen dienten im Übrigen der Sicherheit des Staates: - Briefe mit Bildern von Enkelkindern im Alter von 3 und 6 Jahren. Lächerlicher ging es wohl kaum noch.

Aber es waren wohl die Vorboten der Ereignisse in der Heimat, von denen wir auf der Baustelle wenig oder kaum etwas mitbekamen.

Auf der Baustelle wurde es 1988/1989 immer unruhiger. Es war zu spüren, dass irgendetwas nicht stimmt. Mir wurde hinter der Hand mitgeteilt, dass einige Kollegen an ihrem Austritt aus der Partei schreiben würden. Allerdings wären sie noch nicht so richtig entschlossen.

Die Luft fing an zu brennen und ich konnte mich teilweise mit getroffenen Festlegungen nicht mehr identifizieren. Als von den Kollegen gewähltes Mitglied der Betriebsgewerkschaftsleitung passten mir einige getroffene Entscheidungen nicht. Ich konnte diese einfach nicht mittragen. Da ich das in mich gesetzte Vertrauen der Kollegen nicht missbrauchen wollte, beschloss ich meinen Austritt aus der Gewerkschaftsleitung. Eine ausführliche Begründung dafür veröffentlichte ich durch Aushang am Schwarzen Brett. Mit mir wurde eine ernsthafte Aussprache geführt. Ich ließ mich aber nicht mehr umstimmen, meinen Entschluss hatte ich mir ja vorher gut überlegt. Abenteuerlich war allerdings, dass im Anschluss der zweistündigen Auseinandersetzung ein Mitglied der sogenannten "Gesellschaftlichen" zu mir kam und mir zu meinen Schritt gratulierte. Er sagte mir, dass er zu feige wäre Gleiches zu tun. Mein Gefühl des Ausgegrenztseins wurde auch dadurch immer tiefer.

Dann kam im November 1989 die Wende und es erklärten sich viele vorgelagerte Geschehnisse. Meine vertraglich vereinbarte Einsatzzeit am BAK war eigentlich längst vorbei, aber zu dieser Zeit wollte niemand mehr aus Berlin weg zum Arbeiten auf die Baustelle. Also hieß es weitermachen.

Am schwarzen Brett im Speisesaal auf der ZBE überschlugen sich die Mitteilungen der Mitarbeiter. Erklärungen darüber, warum man in der Partei bleiben will oder warum man austreten will, oder z. T. heftige, meist auch unsachliche Angriffe gegen die sogenannten "Lackschuhe".

Immer neue Ereignisse heizten die Gemüter auf. Diskussionen über die Fortführung der Arbeiten auf der Baustelle mischten sich mit Diskussionen über die Zugehörigkeit zum GL als sogenannter "Stammkader". Viele Mitarbeiter des GL auf der Baustelle waren zuvor von ihren Betrieben in der DDR zum GL nur delegiert worden, andere waren schon vorher mit gültigem Arbeitsvertrag beim VEB Mansfeld Generallieferant in Berlin tätig gewesen und ihr Arbeitsort war nur auf die Baustelle verlegt worden. Wiederum andere waren mit einem damals so genannten Überleitungsvertrag zum GL gestoßen und so also vollwertige Mitarbeiter des "Mansfeld Generallieferant Berlin". Nun, da die Diskussion um die Beschäftigten-Anzahl der Ost-Handels GmbH immer heißer wurde, sollten diese Überleitungsverträge nicht mehr gelten. Im Mai 1991 war schließlich unser planmäßiger Urlaub. Wie immer machte ich ein umfangreiches Übergabe-Protokoll und ließ es ordnungsgemäß bestätigen. Ich wusste allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ich meinen Baustelleneinsatz beenden würde. Aber als sich dann urplötzlich für mich in Bayern die Chance auftat, mein Arbeitsleben auch weiterhin selbst bestimmen zu können, da gab es kein Halten.

Rückblickend waren die Jahre am BAK für mich sehr lehrreiche Jahre. Ich war in der Arbeit am BAK gewachsen und war letztlich allen Verantwortlichen dankbar, die mir die Möglichkeit gegeben hatten, am Aufbau des BAK Kriwoi Rog mithelfen zu dürfen.

Nicht zuletzt durch die dort gemachten Erfahrungen hatte ich für meine neue Arbeit im vereinten Deutschland die besten Voraussetzungen.

   Ingeborg Babilinski
   Ing. oec.

   Hönow bei Berlin im April 2009


Mit Charterflugzeugen der INTERFLUG wurden die BAK-Arbeiter aus der DDR in die Ukraine gebracht. Hier eine "Tu-134" auf dem Flughafen von Kriwoi Rog
(Foto: Peter Stolte)




 

Majak vor dem Abfackeln retten 


Viele unserer früheren Kollegen von der BAK-Baustelle erinnern sich gern an die Ausfahrten, die die Abteilung ALB – sprich Arbeits- und Lebensbedingungen – des Generallieferanten „MGM“ gemeinsam mit der Ausländerabteilung der sowjetischen Kombinatsdirektion und dem Jugendreisebüro „Sputnik“ organisierte. Für wenige Rubel konnten die Bauarbeiter Städte und Touristenziele in der näheren und weiteren Umgebung von Dolinskaja erkunden. Vom benachbarten Kriwoi Rog und Kirowograd bis hin nach Odessa und Kischinjow im Süden und Kiew im Norden, manchmal auch noch weiter hinaus, gingen die Ein- oder Mehrtages-Busfahrten. Die Kollegen wurden bequem — direkt vor ihrer Wohnlager- Haustür — abgeholt und auch dorthin wieder zurückgebracht. Für den Ausflug bereitete ihnen die Küche prallgefüllte Beutel mit Reiseproviant vor. Diese Touren hießen im Sprachgebrauch der Baustelle „Einkaufsfahrten“, denn auf ihnen konnten die Kollegen nicht nur bummeln, andere Städte und ihre Museen und Sehenswürdigkeiten ansehen oder in Restaurants gehen, sondern nach vielen Wochen kauffreien Arbeitslebens auch einer der Lieblingsbeschäftigungen des DDR-Bürgers nachgehen – Shoppen. Dabei hatten sie immer wieder eine gute Spürnase. Abends auf der Rückfahrt waren die Gepäckboxen der Busse vollgepackt mit vielem, was man in den Läden daheim in der DDR nicht oder nur schwer fand – neben ukrainischen und russischen Souvenirs waren das barockes Porzellan, einfach funktionierende elektronische Fotoapparate, Farbfernseher (schon mit Fernbedienung und preiswerter), elektronische Wecker, Elektroheizkörper und Heißlüfter, Edelstahlkochtöpfe, elektrische Handhobel, Goldringe und –ketten, gute Literatur von DDR-Verlagen, dekorative Teeglashalter und Hanteln fürs Krafttraining, und manche fanden sogar Fischer-Skis.

Mancher mag nun denken, wieso sind denn die Bauarbeiter in der Gegend umhergefahren, anstatt mit Bautaten den Sozialismus zu stärken? Dem sei gesagt, dass die Bauarbeiter nach vielen Arbeitstagen mit 12-Stunden-Schichten viel "VAZ" auf die hohe Kante gelegt hatten. Heute würde man dazu sagen: Sie hatten ihr Zeitkonto gefüllt. Geleert werden konnte es – neben Urlaub daheim – auch mit diesen Fahrten.

Am Morgen eines schönen Frühsommertags 1988 sammeln sich an der Bushaltestelle im Wohnlager „Majak“ gutgelaunte Kollegen für eine Fahrt in Richtung Tscherkassy. Nicht nur der freie Tag und das Reiseziel machen gute Laune, auch die Sonne strahlt allen Freude in die Seele. Der Reise-Ikarus wird bestiegen und los geht es. Die Reiseleitung hat der Dolmetscher Rolf. Für ihn eine angenehme Aufgabe und auch ein leichtes Spiel, denn er kennt ja Land und Leute seit zweieinhalb Jahren im direkten Kontakt. Er freut sich nun wie alle anderen auf dieses neue Reiseziel. Der Ort Dolinskaja ist bald durchquert und auf der glatten und schnurgeraden Straße in Richtung Kuzowka macht der Busfahrer Tempo. Beim ruhigen Dahinfahren dösen die einen vor sich hin, die anderen lassen ihren Gedanken freien Lauf. In der Reisemannschaft ist auch Carol aus dem Kollektiv der Versorger. Ihr Abfahrtsstress kann nun verfliegen – zufrieden denkt sie daran, dass sie es am Morgen noch geschafft hat, ihre schicke Bluse und auch die flotten strahlend hellen Hosen von allen Knitterfalten zu befreien – frischgebügelt fühlt man sich viel wohler. Gleich aber durchzuckt sie ein Gedanke: Habe ich denn auch das Bügeleisen abgeschaltet? Sie wird unsicher – was ist, wenn nicht? Wie oft wurde es bei den Arbeitsschutzbelehrungen gepredigt: Das Bauarbeiterdorf mit seinen BAUFA-Häusern besteht zu 90% aus Spanplatten! Vorsicht beim Rauchen! Keine Tauchsieder auf den Zimmern verwenden, Bügeleisen nur unter Aufsicht benutzten!

Majak in Flammen

Blitzartig huscht sie im Bus vor zum Dolmetscher: „Rolf! Wir müssen ganz schnell in Majak anrufen! Der Wache Bescheid sagen, jemand muss in unseren Wäschetrockenraum gehen und nach dem Bügeleisen schauen!“

Rolf bringt seinen grauen Zellen auf Hochtouren: Was kann man tun? Wir sind jetzt schon in Kuzowka. Das ist hier schon ein anderer Rayon. Also kann man nicht so ohne Weiteres telefonieren, das wird nicht einfach – man muss das Amt anrufen und sich verbinden lassen. Keine Telefonzelle zu sehen, aber die würde sowieso nichts nützen. Man braucht ein Diensttelefon. Er entdeckt am Straßenrand ein kleines Häuschen, das nach Büro aussieht, wohl eine Kolchos-Verwaltung. Vielleicht haben die ein Telefon? – Anrufen geht am schnellsten, zurückzufahren kostet zu viel Zeit. Er lässt den Busfahrer stoppen, stürzt ins Büro und erklärt aufgeregt, was er will. Aber die Frauen bedauern: Direkt anrufen geht nicht. Hier ist der Rayon Nowgorodka. Es geht nur über das Amt. Aber das geht bei ihnen nicht, denn da braucht man ein Konto beim Fernmeldeamt und das haben sie nicht. Sie rufen immer nur im Ort an. Genau so, wie es zu befürchten war … Aber vielleicht hat die Dewuschka vom Amt Verständnis? – Versuchen wir es! Der Dolmetscher wählt und wählt immer wieder. Dauernd besetzt! Dann doch eine dünne ferne Stimme, die schnell etwas dahinredet – und weg ist sie wieder – aufgelegt … Eine Dame vom Amt ist wie eine Göttin, die gibt sich nicht so schnell einem x-beliebigen Anrufer hin! Aber es war schon mal ein Erfolg, ein kleiner, das gibt doch etwas Hoffnung. Weiter versuchen …

Nach fünf oder zehn Minuten gibt er auf. Einfach hoffnungslos! Da ist man nur zwanzig Kilometer von Dolinskaja weg – aber man ist schon wie auf einem anderen Kontinent, und zum eigenen Kontinent gibt es keine Verbindung. Man ist hier wie auf dem Mond … nein, schlimmer! Vom Mond hatte „Lunochod“, das sowjetische Mondauto, doch schon mal gute Verbindung zur Erde, und auch James Irwin, seinen Spruch vom kleinen Schritt hat man doch hier unten gut empfangen. … Was weiter tun? Eine Idee muss her! … Die Miliz anrufen! Ja, die müssen doch Verbindung kriegen … Wie war nur die Nummer … ach ja: null-zwei … das wählt sich schnell … Da ist sie ja auch schon. – „Was wollen Sie? Feuergefahr?! Nein, damit haben wir nichts zu tun. Rufen Sie die Feuerwehr an! Was? Wir sollen nur anrufen in Dolinskaja? Was heißt hier nur! Hier ist die Miliz und keine Dienstleistungszentrale!“ Und schon hat er aufgelegt.

Altes sowjetisches TelefonAlso schnell, weiter weiter, die Feuerwehr – was hat die? Hhm, noch einfacher: die null–eins … Ein leises Rufzeichen ist zu hören … und da ist auch eine Stimme … „Wy menja slyshite? Hören Sie mich? Zu leise! … Moment, ich wähle neu … Hören Sie mich jetzt?“ Der Dolmetscher schreit so laut er kann: „Goworit perewodtschik stroiki GDR. – Hier ist der Dolmetscher von der DDR-Baustelle! Ich brauche Ihre Hilfe! Können Sie in Dolinskaja bei unserer Wache anrufen?“ … Nach vielen laut gerufenen, gebrüllten, geschrieenen Wiederholungen scheint der Feuerwehrdiensthabende von Nowgorodka dann verstanden zu haben, dass er das Telefon 2-19-25 in Dolinskaja anrufen und der Wache mitteilen soll, sie sollen in "Baufa"1 im Wäschetrockenraum kontrollieren, ob das Bügeleisen abgestellt ist. Es hört sich so an, als ob er verstanden hat. Der Dolmetscher brüllt noch ein Dankeschön in den Hörer, legt auf und sagt auch den Frauen im Büro noch ein herzliches Dankeschön.

Nun kann endlich die Exkursion weitergehen. Der Dolmetscher kann sich nicht beruhigen:   'Mein Gott! Nur ein Anruf, aber wie viel Zeit ist da draufgegangen! Zwanzig Minuten! Man kann nur hoffen, dass in der Zeit nichts passiert ist in Majak. Dann kommt man am Abend zurück und steht vor Bergen rauchender Ruinen und Asche … Doch, die Telefonnummer habe ich ja oft genug wiederholt, müsste er geschnallt haben. Und auch „DDR-Baustelle“ habe ich ein paar mal gesagt – „Stroika GDR“ – dazu noch das lange „Germanskoi Demokratitscheskoi Respubliki“ Das müsste er doch verstanden haben! Oder? Hat er wirklich alles richtig gehört? Er hat immer nur „da-da“ gesagt und nichts wiederholt … Hhmmm … So gut war die Leitung auch nicht … sicher ist das nicht, irgendwie doch noch heiß das Ganze … Er wird da von einem Deutschen angerufen mit so einer Bitte … das kann er auch komisch finden … kann denken, man wollte ihn hochnehmen … Oder er hat da einiges falsch verstanden, ruft bei sonst jemandem an. Nein, man muss das festklopfen! Gleich sind wir in Nowgorodka, die Post liegt am Weg. Dort kann ich mich direkt mit unserem Bauarbeiterdorf verbinden lassen!'

So wird es auch gemacht! Der Bus fährt direkt vor die Post, der Dolmetscher Rolf stürzt in den Bereich für Ferngespräche, zum Glück steht im Moment kaum einer an. Er erklärt der diensthabenden Telefonistin schnell, worum es geht: Dolinskaja – sofort und dringend! – Jetzt klappt es wie am Schnürchen. Nach ein-zwei Minuten hat er die Majak-Wache am Ohr. Der Wachmann nimmt alles entgegen: „Verstanden, bis jetzt war noch nichts Verdächtiges zu sehen. Wir schauen ganz schnell nach! … Ein Anruf von der Feuerwehr? Bis jetzt nicht … Tschüs!“ – Uff, hier ging es viel einfacher, jetzt geht alles klar – man hätte gleich hierher fahren sollen …

Rolf atmet nun tief durch, er lässt den Stein von der Brust fallen. Dann geht er entspannt zum Bus und kann nun auch Carol und alle anderen Kollegen beruhigen. Jetzt geht die Exkursion erst einmal richtig los!

Am Abend, als die Kollegen müde in ihre Zimmer zurückkehren, beladen mit den Eindrücken des Tages und ihren Einkäufen, ist der Dolmetscher Rolf noch einmal hellwach. Er muss doch schließlich bei der Wache und in der Wohnlagerleitung in Erfahrung bringen, was nun mit dem vermaledeiten Bügeleisen war. „Mit dem Bügeleisen? Nö, da war nischt …“

Das alles geschah in fernen Zeiten, an die sich heute kaum noch jemand erinnert – in den achtziger Jahren, in einem Land, in dem damals das Telefon eine noch recht neue Erfindung war, kaum hundert Jahren alt, und die Telefonnetze noch nicht so entwickelt waren. Zu jener Zeit konnte sich niemand auch nur im geringsten vorstellen, dass es einmal Zeiten geben sollte, da ein jeder, der es nur will, ein kleines Kunststoffschächtelchen in der Westentasche mit sich tragen würde, das man rasch hervorziehen könnte, um damit – ganz ohne Draht – schnell mal nach Australien, Amerika oder sogar in die tiefe Provinz von Dolinskaja anzuklingeln – nicht, weil man etwas Wichtiges mitzuteilen hätte, sondern nur um bloß mal „Haaaiii!“ zu rufen.

Aufgeschrieben von R. Junghanns

 


Indirektes Kompliment
an einen Dolmetscher
 


Eine Gruppe von Projektanten und Baustellenmitarbeitern ist auf dem Weg von Berlin nach Kriwoi Rog. Geleitet werden Dienstreisegruppen üblicherweise von einer Person, die des Russischen mächtig ist. Dieser Reiseleiter hat unterwegs immer dann vermittelnd einzugreifen, wenn Organisations- oder Sprachhürden genommen werden müssen.

Diesmal ist der Reiseleiter ein Dolmetscher aus Berlin vom Mansfeld GL. Während der Reise wird in einem Flughafen ein Restaurant entdeckt. Während die Gruppenmitglieder sich gleich an die Tische setzen, geht der Dolmetscher erst zur Kellnerin, um bei ihr für die Kollegen auf Russisch nachzufragen, was es zu essen gibt und wie lange es dauern könnte. Nachdem er mit der Kellnerin alles geklärt hat, will er an den Tisch zu seinen Landsleuten gehen. Die Kellnerin weist ihn aber zurecht:
"An diesen Tisch können Sie sich nicht setzen, da sitzen Ausländer."

Erinnert von Karl-Heinz Gruber,
aufgeschrieben von R. Junghanns

 

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